Barrierefreies Lesen ohne Grenzen

Barrierefreies Lesen ohne Grenzen

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in Ihrer Lieblingsbuchhandlung und möchten einen neuen Roman für den Sommerurlaub kaufen. Sie nehmen verschiedene Bücher aus dem Regal, blicken hinein und stellen fest, dass Sie keines der Worte lesen können. Nachdem Sie vergeblich versuchten, einen lesbaren Roman zu finden, verlassen Sie enttäuscht das Geschäft.

Für Menschen mit vollem Sehvermögen lässt sich nur schwer nachvollziehen, was es bedeutet, wenn sich die Literatur vor einem verschließt. Tatsächlich werden nur fünf Prozent aller veröffentlichten Bücher barrierefrei publiziert. Ein Besuch der Buchhandlung wird so zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen. 

Der Vertrag von Marrakesch soll Menschen mit vermindertem Sehvermögen den Zugang erleichtern. 

Wenn ein Schutz zum Hindernis wird

Um den Vertrag von Marrakesch besser verstehen zu können, muss man die internationalen Urheberrechtsregelungen genauer unter die Lupe nehmen. 

Vor dem Vertrag gestattete eine Klausel im Urheberrecht zwar die Verbreitung auf nationaler Ebene, ein grenzübergreifender Austausch von in Braille-Schrift übertragenen Werken war allerdings verboten. Sehbehinderten-Organisationen und Bibliotheken durften demnach ihre Bücher in Braille-Schrift nur in jenem Land anbieten, in welchem sie übersetzt wurden.

So war es beispielsweise nicht möglich, in Spanien übersetzte Literatur in Lateinamerika anzubieten. Auch englische Publikationen konnten nicht international ausgetauscht werden. Eine schier unüberbrückbare Hürde.

Lockerung des Urheberrechts durch den Marrakesch-Vertrag

An dieser Stelle tritt nun der Marrakesch-Vertrag in Kraft. Er wurde am 27. Juni 2013 von der Weltorganisation für geistiges Eigentum, kurz WIPO, erarbeitet. Schon vorher gab es Bemühungen durch eine Vielzahl von Blinden- und Sehbehindertenorganisationen, einen solchen Vertrag auf den Weg zu bringen. 

Mehr als 80 Länder unterzeichneten den Vertrag. Danach begann schrittweise die Ratifizierung der einzelnen Staaten. Am 30. September 2016 trat der Vertrag schließlich offiziell in Kraft. Allerdings wird der Vertrag nach wie vor noch nicht von allen Ländern umgesetzt. In einigen steht noch die Ratifizierung aus, andere müssen das geltende Urheberrecht im Gesetz anpassen und neu beschließen. 

Neue Möglichkeiten des Austauschs

Doch was genau beinhaltet der Vertrag und welche Chancen ergeben sich dadurch? 

Der Marrakesch-Vertrag sieht eine Lockerung des Urheberrechts vor, was den internationalen Austausch der überarbeiteten Bücher ermöglicht. Zudem müssen Blindenorganisationen nicht prüfen, ob das Werk zuvor bereits von einer anderen Organisation übersetzt worden ist. Es ist also auch erlaubt, dass von einem Buch mehrere Versionen existieren.

Für Blinde und Menschen mit vermindertem Sehvermögen eröffnet sich durch den Vertrag eine größere Auswahl an Büchern. Gerade ärmere Länder profitieren, da es Ihnen nun möglich ist, übersetzte Exemplare aus anderen Staaten zu beziehen. 

Der Marrakesch-Vertrag ebnet den Weg zu mehr Gleichberechtigung und offener Wissensvermittlung. Für einen grenzenlosen Austausch gilt es jedoch noch einige Hürden zu überwinden. Ein Kraftakt, der sich allemal lohnt.

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