Die monochrome Insel der Farbblinden

Die monochrome Insel der Farbblinden

Nicht nur nachts sind alle Katzen grau – zumindest für die Bewohner der Insel Pingelap. Denn ein Großteil der Bevölkerung trägt ein seltenes Gen in sich. Lesen Sie jetzt, warum man Pingelap auch die Insel der Farbenblinden nennt.

Zwischen Honolulu und Manila, mitten im Pazifischen Ozean, liegt ein nur einen Quadratkilometer großes Archipel: Pingelap. Nur etwa 400 Menschen leben hier. Bis auf die farbensprühende Flora und Fauna wirkt das Archipel unscheinbar. Und dennoch ist Pingelap ein bemerkenswerter Ort.

Farbvielfalt versus Achromatopsie-Gen

Touristen bestaunen das bunte Naturschauspiel der Lagunen: Durch das Türkisblau schimmernde Wasser gleiten farbenfrohe Fische und in den glasklaren Wogen spiegelt sich das saftige Grün des Urwalds. Doch während Besucher sprachlos ob des Naturschauspiels staunen, kann jeder zehnte Bewohner des Archipels die Farbvielfalt nicht sehen. Sie sehen die Welt eher wie in einen Schwarz-Weiß-Film. Denn 1/3 der Bevölkerung ist Träger des seltenen Achromatopsie-Gens und daher völlig farbenblind. Unter Einheimischen wird die Krankheit "Maskun" genannt, was so viel bedeutet wie "nicht sehen".

Achromatopsie führt zu kompletter Farbenblindheit. Jegliche Farben fehlen also. Der Grund hierfür sind die Stäbchen und Zapfen im Auge. Da bei Achromatopsie-Erkrankten die Zapfen der Netzhaut defekt sind, können sie auch bei Tag nur mit den Stäbchen gucken. Diese sind jedoch eigentlich für die Nachtsicht zuständig. Doch die Umwelt erscheint für die Inselbewohner nicht nur in Schwarz und Weiß, sondern auch diffus verschwommen. Denn im Gegensatz zu Normalsichtigen ist die Sehschärfe der Inselbewohner auf zehn bis 15 Prozent reduziert.

Neben dem Fehlen an Farbe und Klarheit beim Sehen sind die Betroffenen äußerst lichtempfindlich und daher extrem lichtscheu. Da die Betroffenen bereits normales Tageslicht blendet, schützen sie sich mit großflächigen Blättern vor direkter Sonnenstrahlung oder verbringen den Tag in ihren abgedunkelten Hütten und kommen erst in der Dämmerung heraus. Da jedoch ihre Zäpfchen derart trainiert sind, können sie nachts außergewöhnlich gut sehen.

Andere Sehfähigkeiten der Bewohner

Obwohl die Inselbewohner Farben nicht sehen können, eröffnet sich ihnen ein anderes Wahrnehmen. So können sie andere visuelle Eigenschaften besonders gut erkennen. Beispielsweise nehmen sie Strukturen, Umrisse, Oberflächen und Begrenzungen, Tiefe und Bewegung viel deutlicher wahr als Normalsichtige. Diese Fähigkeit spiegelt sich auch in den geheimen Mustern wider, die die farbenblinden Frauen von Pingelap weben. Ihre Muster ergeben sich nicht wie gewöhnlich aus Farben, sondern fügen sich aus verschiedenen Stufen der Helligkeit zusammen. Normalsichtige unterscheiden nur gleichförmige Aneinanderreihungen verschiedener Farben. Farbenblinde sehen hingegen ein vielfältiges Muster aus Strukturen und Hell-Dunkel-Abstufungen.

Die Geschichte hinter der Achromatopsie

Startpunkt für die Insel der Farbenblinden war ein Taifun, der im Jahr 1775 über das Land wütete. 90 % der Bevölkerung riss der Taifun in den Tod. Nur 20 überlebten. Unter ihnen der König Pingelaps, ein Träger des seltenen Achromatopsie-Gens. Nur wenige Generationen dauerte es, bis der Gendefekt derart dominant die Inselbewohner in einer Schwarz-Weiß-Welt gefangen hält.

Dank der Spezialisierung beim Sehen auf Strukturen und Kontraste kommen die Bewohner gut zurecht. So können sie beispielsweise alle Pflanzen durch deren Struktur genau erkennen und auseinander halten. Da sie Farben noch nie gesehen haben, können sie sich eine Welt mit ihnen auch nur schwer vorstellen.

Wie andere Farbenblinde unsere Welt sehen, lesen Sie übrigens in unserem Blogartikel „Wie sehen Farbenblinde die Welt?". Hier erfahren Sie auch, mit welchem Tool Sie selbst einmal durch die Augen eines Protanopie-, Deuteranopie- oder Tritanopie-Betroffenen schauen können.

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