Synästhesie: Wenn Töne zu Farben werden

Synästhesie: Wenn Töne zu Farben werden

Als die Ratte Rémy im Film „Ratatouille" in den Käse beißt, beginnen Farben und Formen in einen bunten Reigen zu tanzen. Der Geschmack löste eine visuelle Mitempfindung aus, denn Rémy ist Synästhetiker. Doch dieses Phänomen gibt es nicht nur im Film.

Es gibt verschiedene Formen der Synästhesie. Einige Synästhetiker sehen Geräusche, fühlen Farben, schmecken Wörter. In ihrem Gehirn sind Bereiche verknüpft, die eigentlich nicht zusammenarbeiten. Warum nehmen sie die Eindrücke auf diese Art wahr? Hinter der Synästhesie steckt ein neurologisches Phänomen – eine Hypersensibilität der Sinnesorgane.

Während die meisten Menschen auf Reize mit nur einem Sinn reagieren, wird bei Menschen mit der erweiterten Wahrnehmung ein wahres Feuerwerk an Empfindungen abgefeuert. Da gleich mehrere Synapsen angesprochen werden, entsteht ein Sinnes-Potpourri aus Tönen, Gefühlen, Farben und Gerüchen. Plötzlich erscheint die Zahl Fünf als bauchiger, grimmig dreinschauender Polizist in einem marineblauen Mantel, das A schmeckt nach säuerlichem Apfel; Bachs Toccata und Fuge riecht nach Patschuli und der Großstadtlärm der morgendlichen Müllabfuhr erklingt als glassplitternde Höllen-Tortur.

Auch können Geschmacksrichtungen, Gerüche oder Körperempfindungen wie Schmerz von einer synästhetischen visuellen Empfindung begleitet werden. Es gibt verschiedene Verknüpfungen zwischen Reizen und Wahrnehmungen: Theoretisch kann jeder Sinnesreiz eine synästhetische Empfindung in einem anderen Wahrnehmungskanal auslösen.

Diese Phänomene treten bei Synästhetikern gehäuft auf:

  1. Hochbegabung und Hochsensibilität
  2. Erhöhte Kreativität
  3. Aufmerksamkeitsstörungen
  4. Räumliche Orientierungsschwierigkeiten
  5. Aufgrund der zusätzlichen Wahrnehmung schnelle Reizüberflutung

Wie funktioniert Synästhesie?

Auslöser für diese Wahrnehmungen sind neuronale Verbindungen zwischen einzelnen Sinnen – also gemeinsame Reaktionen von Gehirnarealen, die weit auseinander liegen. So agieren zwei, manchmal auch drei oder vier Sinne gemeinsam. Die spezifischen Vernetzungen im Gehirn treten relativ selten auf. Nur ca. 4 % der Bevölkerung weisen mindestens eine Form von Synästhesie auf. Hat jemand die Fähigkeit, mehrere Sinne verknüpft wahrzunehmen, dann tritt die Synästhesie meist auch bei anderen Familienmitgliedern auf. Daher wird von einer Erblichkeit ausgegangen.

MRT-Untersuchungen belegen eine Aktivität in den verknüpften Gehirnarealen. Synästhetiker bilden sich ihre zusätzliche Wahrnehmung demnach nicht ein. Vielmehr haben sie eine veränderte Gehirnstruktur. So stellten Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Kölner Universitätsklinik für Neurologie bei Synästhetikern eine dichtere graue Gehirnsubstanz in bestimmten Bereichen als bei Nicht-Synästhetikern fest.

Bislang ist noch unklar, warum die Hyperkonnektivität bei manchen Menschen auftritt und bei anderen nicht. Einige Forscher gehen davon aus, dass sich bei Synästhetikern die neuronalen Verbindungen, die im Hirn des Fötus vorhanden sind, später nicht zurückbilden, sondern erhalten bleiben. Außerdem könnten sich während des Erlernens der Schriftsprache bestehende Verbindungen zwischen Gehirnarealen intensivieren.

Welche Synästhesieformen gibt es?

Die verschiedenen Formen der Synästhesie begründen sich vorrangig auf den beteiligten Hirnarealen. Da einige Bereiche weiter auseinander liegen als andere, ist es anatomisch gesehen schwerer diese zu verknüpfen. Daher treten diese Synästhesien entsprechend seltener auf.

  1. Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben und/oder Zahlen werden mit einem festen Farbeindruck verbunden
  2. Farbiges Hören: Geräusche und/oder Musik lösen Farben und/oder Formen aus
  3. Zeit-Raum-Synästhesie: Zeiteinheiten wie Wochentage, Monate, das Jahr oder auch Ziffern erscheinen als bestimmte räumliche Anordnung bzw. Position
  4. Person-Farb-Synästhesie: Personen wird eine jeweils charakteristische Farbe oder Ziffer zugeordnet
  5. Gefühlssynästhesie: Emotionen rufen Sinneswahrnehmungen hervor

Synästhetiker nutzen ihre Wahrnehmung oft als Erinnerungshilfe und Orientierung im Alltag: beispielsweise bei der Beurteilung von Situationen oder körperlichen Befindlichkeiten. Hierzu werden die Reize mit dem visuellen Empfinden abgeglichen. Synästhesie öffnet also ungeahnte Wahrnehmungszustände und bereichert das Leben der Betreffenden. Dennoch benötigen diese Menschen gerade in unserer schnellen und lauten Welt Orte der Entspannung, um der manchmal drohenden Reizüberflutung zu entgehen.

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