Arbeiten vor dem Bildschirm

Schwerstbelastung für die Augen

Schwerstbelastung für die Augen

Die "Digitale Revolution" verändert sowohl die Arbeits- als auch die Freizeitwelt. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen verbringt heute zumindest einen Teil der Arbeitszeit vor einem Bildschirm oder Display. Und auch die private Nutzung von Smartphones, Tablets und Computern nimmt zu. Mediziner haben zwei wesentliche Bereiche identifiziert, in denen die neuen Arbeits- und Lebensbedingungen zu neuen Krankheitsbildern führen: Zum einen wird die Arbeit am Computer vornehmlich im Sitzen ausgeführt, was zu Haltungsschäden führt und die Orthopäden vor neue Herausforderungen stellt – die „Volkskrankheit Rückenschmerz" ist in aller Munde. Zweitens bedeutet die Arbeit am Bildschirm vor allem Schwerstarbeit für die Augen – welche Effekte sie auf die Augengesundheit hat, ist allerdings deutlich umstrittener.

Büroaugen – das Computer Vision Syndrom

Studien zufolge haben schon 70 bis 80 % der Menschen, die vornehmlich am Bildschirm arbeiten, das sogenannte CVS (Computer Vision Syndrome) oder „Office Eye" an sich beobachtet: Die sogenannten asthenopischen Beschwerden äußern sich in trockenen, geröteten Augen, schweren Lidern und einem Gefühl von Ermüdung, erhöhter Blendempfindlichkeit, bis hin zu Veränderungen des Farb- und Kontrastsehens und Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen. Sie treten auf, wenn lange Zeit ohne Unterbrechung ein Bildschirm fokussiert wird; nicht angemessene Lichtverhältnisse und Luftbewegungen, etwa durch Zugluft, die Klimaanlage oder einen Ventilator, begünstigen ihre Entstehung. Beim Arbeiten am Bildschirm verringert sich die Frequenz des Lidschlags auf bis zu 5 Lidschläge pro Minute – beim normalen dynamischen Sehen blinzeln wir etwa 20 bis 40 mal pro Minute! Da durch die lange geöffneten Augen mehr Tränenflüssigkeit verdampft, trocknet das Auge aus und verursacht Beschwerden – hinzu kommt, dass das lange Verharren in ein und der selben Position sowohl unseren Augen als auch unserem Bewegungsapparat zuwider läuft – schließlich ist unser Sehvermögen darauf angelegt, schnell zwischen unterschiedlichen Entfernungen zu fokussieren. Studien zeigen außerdem, dass Stress und psychische Belastungen am Arbeitsplatz die Entstehung von CVS ebenfalls begünstigen.

Computer Vision Syndrom vorbeugen

Vorbeugen kann man ihr, in dem man zunächst einmal die mechanischen Auslöser abstellt: Die Klimaanlage oder der Ventilator im Büro sollten so eingestellt sein, dass die Augen keine Zugluft abbekommen. Zudem sollte man bei wiederkehrenden Beschwerden einen Profi zu Rate ziehen: Eine ergonomische Begutachtung des Bildschirmarbeitsplatzes kann helfen, fehlerhafte Einstellungen zu korrigieren und so optimale Bedingungen für die Arbeit am Bildschirm zu schaffen. Doch auch bei korrekten und bestmöglichen Einstellungen ist es notwendig, immer wieder Pausen bei der Bildschirmarbeit zu machen – empfohlen werden etwa 5-10 Minuten Pause von der Fokussierung des Screens pro Arbeitsstunde. Eine solche Pause muss natürlich nicht „Nichtstun" bedeuten – wichtig ist aber, dass auch ein Blick in die Ferne möglich ist oder die Augen kurz geschlossen werden können. Die akuten Symptome wie trockene Augen lassen sich mit befeuchtenden Augentropfen behandeln, die je nach Ausprägung der Beschwerden auch Wirkstoffe wie Carbomeren, Hyaluronsäure oder Dexpanthenol enthalten können. Lassen sich die Symptome durch die Vermeidung der mechanischen Reizung und ausreichende Pausen von der Bildschirmarbeit nicht abstellen, empfiehlt sich ein Gang zum Augenoptiker; dieser kann den Sehapparat auf Störungen des Binokularsehens und der Akkomodation prüfen und den Vergenzstatus feststellen. Gegebenenfalls lässt sich eine Fehlsichtigkeit mit einer geeigneten Sehhilfe korrigieren. Ist dies nicht möglich, muss ein Augenarzt zur Diagnose und Therapie aufgesucht werden.

Übrigens gibt es spezielle Brillen für die Bildschirmarbeit – werden diese zwingend und ausschließlich für die Arbeit am Bildschirm benötigt, ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Kosten für ein solches Modell zu tragen.

Immer mehr Kurzsichtige durch Bildschirmarbeit?

Viele Menschen, die viel am Bildschirm arbeiten und kurzsichtig sind, haben den Eindruck, dass sie in immer kürzeren Abständen immer stärkere Brillen benötigen. Zum Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildschirmarbeit wurde viel geforscht, doch die Ergebnisse widersprechen einander: Je nach Studiendesign werden Hinweise auf Zusammenhänge gefunden oder langfristige Effekte negiert. Fest steht aber, dass das Bildschirmsehen durch den dauerhaften festen Sehabstand eine größere Belastung darstellt als das normale dynamische Sehen und zur sogenannten Naharbeit-induzierten transienten Myopie (NITM) führt: Unmittelbar nach einer Periode von intensiver Nahsicht – hierzu kann Bildschirmarbeit, aber auch die Ausführung einer handwerklichen Tätigkeit gehören – leidet die Fernsicht. Der Effekt kann bis zu eine Dioptrie ausmachen und ist bei der Anpassung einer Sehhilfe durch den Augenoptiker unbedingt zu berücksichtigen. Das Problem heute: Da der Blick auf den Bildschirm heute sowohl Arbeit als auch Freizeit bestimmt, werden die Phasen des normalen dynamischen Sehens immer seltener. Die eigentlich reversible NITM kann so zum Dauerzustand werden – misst ein Augenoptiker die Sehstärke eines Kunden unmittelbar nach einer Periode intensiven Nahsehens kann dies dazu führen, dass eine zu starke Fehlsichtigkeit festgestellt und damit eine zu starke Brille verordnet wird. Augenoptiker sollten deshalb aktiv bei ihren Kunden nachfragen, was diese in den Stunden vor dem Besuch im Fachgeschäft getan haben, um Irrtümer zu vermeiden.

Wie bei vielen Zivilisationskrankheiten gilt also auch bei durch Bildschirmarbeit induzierten Beschwerden: Vorbeugung ist besser als Nachsorge. Am wichtigsten ist, dass genügend Zeit für Entspannung und Abwechslung bleibt. Gesunde Ernährung, ausreichendes Trinken und viel Bewegung verbessern zudem den allgemeinen Gesundheitszustand. Wer mit wiederkehrenden Beschwerden zu kämpfen hat, sollte den Gang zum Fachmediziner nicht scheuen – so lassen sich viele Beschwerden mit den richtigen Hilfsmitteln in den Griff bekommen. Denn eines steht fest: Die Digitale Revolution ist nicht mehr aufzuhalten.

Themenarchiv